Monday, October 23, 2006

Hawaii Ironman: Normann Stadler siegt zum zweiten Mal

In seiner langen Triathlonkarriere hat Normann Stadler schon viele hundert Mal irgendeine Ziellinie überquert. Oft wurde der Sieger des Hawaii-Ironman von 2004 dabei von seinen Gefühlen übermannt und brach in hemmungsloses Schluchzen aus – gleich, ob er gewann oder verlor. Als Stadler an diesem Samstagmachmittag im Hafen von Kailua Kona auf der Hawaii-Insel Big Island zum zweiten Mal Langdistanz-Weltmeister wurde, brach sich bei ihm jedoch nicht ein emotionaler Zusammenbruch Bahn, sondern der Übermut des Triumphators. Weit streckte er beim Einlauf die Arme von sich, wie ein Adler, der auf seine Beute herabsegelt. Dann rammte er einem imaginären Gegenüber die geballte Faust in den Magen um der Menge zu bedeuten, dass er es allen gezeigt hatte.

Normann Stadler, einst für seine schwachen Nerven und seine Labilität bekannt, ist selbstbwusst geworden. „Vor zwei Jahren haben alle gesagt, dass das eine Eintagsfliege ist“, erinnerte er sich nach seinem zweiten Hawaii-Sieg trotzig an seinen ersten im Jahr 2004. Damals war Stadler in seiner Schokoladendisziplin, dem Radfahren, den verdutzten Konkurrenten so weit enteilt, dass sie ihn nicht mehr einholen konnten und er wurde trotz Nachteilen im Wasser und beim Marathon Weltmeister. So etwas, nahmen sich die geschockten Gegner vor, würde ihnen nicht noch einmal passiern. Doch es passierte noch einmal: „Heute habe ich gezeigt“, so Stadler, dass ich nicht nur Rad fahren, sondern auch Schwimmen und Laufen kann.“

In der Tat hatte Stadler schon früh am Morgen im trügerisch ruhigen Pazifik seinen zweiten Hawaii-Sieg vorbereitet. Stadler kämpfte erfolgreich gegen die starken Strömungen unter der glatten Wasseroberfläche an und ließ die Führungsgruppe um den Vorjahressieger und Schwimexperten Faris Al-Sultan um nur 30 Sekunden enteilen. In vergangenen Jahren war Al-Sultan Stadler um bis zu zehn Minuten davon gekrault. In erwartet unwiderstehlicher Manier verwandelte Stadler diesen Rückstand auf dem Rad in einen Vorsprung von elf Minuten und drückte dabei den Streckenrekord für die 180 Kilometer auf 4 Stunden und 18 Minuten. Das entspricht einem Stundenmittel von beinahe 42 Kilometern. So sehr seine Verfolger Al-Sultan und der Australier Chris McCormack sich auch mühten, sie konnten dieses Defizit im Marathon nicht mehr gut machen. Al-Sultan wurde mit acht Minuten Abstand Dritter, McCormack zwei Minten hinter Stadler Zweiter.

Der Titelverteidiger Al-Sultan nahm die Niederlage jedoch gelassen hin. Von zu vielen Wettkämpfen und anstrengenden PR Terminen ausgelaugt war er ohnehin nicht in Bestform nach Hawaii gekommen und so verneigte er sich ohne Neid vor dem neuen Champion: „Normann hat ein großes Rennen gezeigt.“ Vor allem war Al-Sultan jedoch froh, dass sein Erzrivale McCormack Stadler nicht noch einholen konnte. McCormack, fand der Münchner, habe den Sieg nicht verdient, weil er auf dem Rad regelwidrig den Windschatten seiner Mitstreiter in der Verfolgergruppe hinter Stadler ausgenutzt habe. Ein Vorwurf, den auch Stadler bestätigte. „In meinen Augen“, so der neue Champion, „gehört Faris der zweite Platz.“

Der erste Platz gehörte hingegen unumstritten Stadler. Und den gönnte ihm nach einer bitteren Pechsträhne jeder in der Triathlonszene. Im vergangenen Jahr hatte Stadler nach zwei Reifenpannen das Rennen aufgeben müssen. Bei der diesjährigen deutschen Ausgabe des Ironman in Frankfurt war er vom Rad gestürzt und hatte sich blutend und verletzt als elfter ins Ziel geschleppt. Dass er dennoch nicht den Mut und den Glauben an sich verlor, war indes ein weiteres Zeichen seines erstarkten Selbstbewusstseins.

Sein ursprünglicher Wandel von einem hadernden Nervenbündel zu einem furchtlosen Kämpfer, erinnert sich Stadler, kam im Jahr 2002 – dem Jahr seiner bis dahin schlimmsten Vorstellung auf Hawaii. Damals war er völlig eingebrochen und hatte sich mehr als eine Stunde hinter den Favoriten unter körperlichen wie seelischen Qualen ins Ziel gekämpft. Das Erlebnis, so Stadler, habe ihm die mentale Härte gegeben, die diese Sportart ihren Besten nun einmal abverlangt. Im Verlauf des vergangenen Jahres musste er erneut durch ein Tal der Tränen marschieren und er ist erneut mit erhobenem Haupt wieder heraus gekommen. Damit dürfte die Zeit der Zweifel und der Gefühlszusammenbrüche für Normann Stadler wohl endgültig vorbei sein.

Sebastian Moll